SAMSTAG, 21.05.16, 20:00 Uhr
"EINMAL FREI UND EINMAL GLÜCKLICH SEIN"
Johannes Kirchberg entdeckt Johannes R. Becher
Ein literarisch-musikalicher Abend anlässlich des 125. Geburtstages von Johannes R. Becher


Mein Leben steht in meinen Gedichten. Wer meine Gedichte liest und sich bemüht, sie zu verstehen, der wird daraus auch mein Leben kennenlernen, insofern es eine über das Private hinausragende Bedeutung hat. Der Leser meiner Gedichte wird vor allem erfahren, daß ich ein Süddeutscher bin, mit jeder Faser meines Herzens, und daß den bayerischen Bergen und dem Bodensee mein unendlicher Lobgesang gilt. Der Leser wird alsdann erfahren, warum mein Leben lesenswert ist, und so heißt es in dem Gedicht:
Mein Leben kann euch als ein Beispiel dienen,
Und darum ist mein Leben lesenswert.
Buch ist in mir ein solcher Mensch erschienen,
Der maßlos hat vor Zeiten aufbegehrt.
Und Höllen waren, und er fand in ihnen
Einlaß und ist in allen eingekehrt,
Und hat vernichtet und sich selbst verheert
Und riß sein Leben nieder zu Ruinen.
Ein Schlachtfeld lag ihm mitten in der Brust.
Danieder lag er. Welche Niederlagen!
Zerschlagen hörte er die Leute sagen:
"Den Hoffnungslosen laßt verlorengehn!"
Und aus Verlorensein und aus Verlust
Er gab sich Wandlung und ein Auferstehn.

Es war das schwerste Opfer, das ich jemals gebracht hatte, als ich, 1933, meine Heimat verlassen mußte. Ich habe nie ein Glück außerhalb Deutschlands gesucht. Zu einem Leben außerhalb Deutschlands war ich denkbar ungeeignet. Jede Art von Auslandsdeutschtum war mir wesensfremd. Man wird es nachfühlen können, was solch ein Abschiednehmen gerade für einen Dichter bedeutet, der auf das lebendige Sprachmaterial angewiesen ist, der in deutscher Sprachumgebung seit über 40 Jahren zu leben und zu wirken gewohnt war, und dessen Fühlen und Denken sich abspielt in einer Gefühls- und Begriffswelt, an die er vor allem sprachlich gebunden ist. Scheiden tut weh. Auch das Auge verwaist, das keinen Ruhe- und Haltepunkt mehr findet und immer, in die Ferne hin, auf der Ausschau und der Suche ist: nach deutschen Menschen, deutscher Stadt, deutscher Landschaft. Zeit der Verbannung! Du bitterste Lehre! Du strengste aller Schulen! Jahrzehnt der Zucht! Ein Deutscher sucht Deutschland. Was soll ich von meinen Traumfahrten berichten, die mich ein Jahrzehnt lang durch alle Gegenden Deutschlands führten, "das Land der Sehnsucht mit der Seele suchend", und wo ich immer wieder diesen starken, stillen Menschen begegnete, diesen "beredten Schweigern", diesen "Stillen im Lande", deren Schweigen und Stille, wie ich hoffte, eines Tages sich zu einem Auferstehungsturm erheben würden. In solch einer erzwungenen Distanz klärt und läutert sich der Blick, sich selbst, dem eigenen Volke, der Geschichte gegenüber. Das Zufällige scheidet sich von dem Notwendigsten, das Wertvolle trennt sich ab von dem Wertlosen, und nur das Beste besteht und erhöht sich in seinem Bestand. Im Verlust ward mir Gewinn ...
Becher, Johannes R., 1947

SONNTAG, 22.05.16, 17:00 Uhr
"NATHAN UND SEINE KINDER"
szenische Lesung für Menschen ab 12 Jahren
mit Mareike Greb und Thomas Streipert



Vorlage für Mirjam Presslers 2009 veröffentlichten Roman »Nathan und seine Kinder« war Lessings Drama »Nathan der Weise« von 1779. Ort der Handlung ist Jerusalem im Jahr 1192 nach dem Dritten Kreuzzug. Hauptpersonen sind der jüdische Kaufmann Nathan und seine Tochter Recha, Sultan Saladin und der Tempelritter Leu von Filnek. Zentrales Motiv ist die »Ringparabel «, mit der Nathan auf Saladins Frage nach der wahren Religion antwortet. Vorerst bleibt der Friede zwischen den Religionen ein Traum: Nathan wird ermordet und die Täterschaft bleibt ungeklärt. Die achtzehn Kapitel des Buches werden jeweils aus der Perspektive einer von insgesamt acht Personen erzählt und tragen deren Namen.
Der Versuch der Christen, im Dritten Kreuzzug Jerusalem von den Moslems zurückzuerobern, ist gescheitert. In der Stadt herrscht Sultan Saladin, dessen Truppen unter Hauptmann Abu Hassan einen hinterhältigen Angriff der Christen abgewehrt haben. Saladin lässt daraufhin alle Templer töten, nur der Tempelritter Leu von Filnek wird begnadigt. Kurze Zeit später rettet dieser aus einem brennenden Haus Recha, die getaufte Pflegetochter des wohlhabenden jüdischen Kaufmanns Nathan. Nathan gilt als weiser und ausgleichender Mann, der viel Gutes tut, und Recha wächst in dem Glauben auf, Nathans leibliche Tochter zu sein. Der Tempelritter und Recha verlieben sich ineinander, doch eine dauerhafte Verbindung zwischen einem Christen und einer Jüdin erscheint ausgeschlossen. Deshalb schaltet sich Rechas Erzieherin Daja ein. Sie verrät dem Tempelritter, dass Recha Christin und lediglich Nathans Ziehtochter sei, und weiht auch Recha in das Geheimnis ein. Der verwirrte Tempelritter sucht Rat beim Patriarchen von Jerusalem und schildert ihm den Fall, woraufhin dieser den Tod des ihm unbekannten Juden fordert. Der Tempelritter ahnt, dass es ein Fehler war, den Patriarchen ins Vertrauen zu ziehen.
Aus Geldnot bestellt der Sultan den reichen Nathan zu sich. Statt Nathan um ein Darlehen anzugehen, will Saladin den wegen seiner Weisheit berühmten Mann zunächst auf die Probe stellen und konfrontiert ihn mit der Frage nach der wahren Religion. Nathan antwortet mit der Parabel von den drei Ringen. Danach seien alle drei Religionen gleichrangig und denselben Werten verpflichtet, nämlich der Liebe zu Gott und den Menschen. Gerührt bietet Saladin daraufhin Nathan seine Freundschaft an. Kurze Zeit später wird Nathan brutal ermordet. Als Täter kommen sowohl fanatische Moslems aus Abu Hassans Gefolgschaft als auch Christen als Handlanger des Patriarchen in Frage. Die trauernde, aber durch Erfahrungen gereifte Recha verzichtet jedoch auf Aufklärung der Tat und Rache. Sie will das Andenken an ihren Ziehvater bewahren und tritt sein Erbe an, indem sie versöhnliche Worte findet.
Mirjam Pressler bezeichnet ihr Buch im Nachwort als eine Variation von Lessings Werk. Die Autorin lässt jede ihrer Figuren zu Wort kommen und das Geschehen aus deren Sicht erzählen. Der Leser kann sich auf diese Weise gut einfühlen in fremde Lebenswelten und findet Zugang zu historischen Ereignissen. Die friedliche Koexistenz der drei monotheistischen Religionen und die wechselseitige Toleranz, von der Lessings Nathan träumt, sind auch in der multireligiösen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ein aktuelles Thema.